Was ist echter Matcha? Die vier Kriterien der neuen International Matcha Association
Mit dem weltweiten Matcha-Boom werden unter dem Namen "Matcha" zunehmend Produkte verkauft, die diesen Namen nicht verdienen. Bei Olivenöl ist gesetzlich geregelt, was sich "nativ extra" nennen darf. Bei Matcha darf bislang jeder "Ceremonial Grade" auf die Dose drucken, denn es gibt keine Regel, die das verhindert.
Immer häufiger wird chinesische Rohware nach Japan importiert, dort nur noch gemahlen, verpackt und als japanischer Matcha verkauft. Ist das echter japanischer Matcha? Für uns nicht. Und mindestens gehört eine solche Herkunft klar aufs Etikett.
Die 2026 gegründete International Matcha Association (IMA) setzt genau hier an und hat im Mai und Juni 2026 zwei grundlegende Papiere veröffentlicht. Wir finden: Es wird Zeit.
Was ist echter Matcha? Vier Merkmale
Die IMA bringt Matcha auf vier Merkmale:
- Teepflanze: Ausgangspunkt ist die Teepflanze Camellia sinensis.
- Beschattung: Die Teeblätter wachsen vor der Ernte unter Beschattung.
- Tencha: Nach der Ernte werden die Blätter gedämpft, nicht gerollt und anschließend getrocknet. So entsteht Tencha.
- Vermahlung: Erst dieser Tencha wird zu feinem Pulver vermahlen.
Das klingt zunächst technisch. Die Konsequenz ist aber einfach: Nicht jedes pulverisierte Grünteeprodukt ist Matcha.
Neu erfunden hat die IMA diese Merkmale übrigens nicht: Der japanische Branchenstandard definiert Matcha seit 1991 genauso, die geltende Fassung der Begriffe stammt von 2018, nämlich als fein vermahlenen Tencha, ausdrücklich abgegrenzt von einfachem Pulvertee (粉末茶). Verbindlich ist dieser Standard allerdings nicht, er ist eine Selbstverpflichtung der Branche, kein Gesetz. Die IMA-Beschreibung ist sogar etwas weiter gefasst: Sie nennt weder eine Beschattungsdauer noch eine Mahlmethode. Neu ist also nicht die Definition, sondern der Versuch, sie international zu verankern.
Tencha macht den Unterschied
Echter Matcha ist nicht einfach fein vermahlener Grüntee. Er muss aus der Vorstufe Tencha hergestellt werden, das stellt die IMA unmissverständlich klar.
Die zwei wichtigsten Merkmale der Tencha-Herstellung sind Beschattung und das Entfernen von Stängeln und Blattrippen. Du kannst dir Tencha wie das reine, süßliche Blattfleisch vorstellen, ohne die blassen, meist bitteren Stängel. Und die Beschattung ist kein Deko-Detail: Sie steuert, wie sich die Blätter entwickeln, und prägt damit Farbe, Aroma und Umami des späteren Matcha.
Der Unterschied zu klassischem Sencha: Sencha wird nach dem Dämpfen gerollt, Tencha nicht. Nur aus den ungerollten, flach getrockneten Blättern lassen sich Stängel und Blattrippen sauber heraustrennen.
Echte Matcha-Qualität entsteht deshalb nicht erst beim Mahlen. Sie beginnt beim Anbau.
Der Boom hat eine Kehrseite
Gemeinsam mit 38 japanischen Teeunternehmen hat die IMA im Mai 2026 ein "Emergency Statement" zum globalen Matcha-Markt veröffentlicht. Darin benennt die Branche, was viele gerade erleben: Die Nachfrage überlastet Produktion, Verarbeitung und Vertrieb. Mengen, Liefertermine, Qualitätsanforderungen und Zahlungsbedingungen werden unberechenbarer.
Ein Punkt sticht für uns heraus: Die IMA fordert, dass Qualität und Preis wieder zusammenpassen.
Genau das beobachten wir seit Beginn des Booms: Der Preis sagt immer weniger darüber aus, was tatsächlich in der Dose ist. Darunter leiden beide Seiten. Wer kauft, zahlt für Marketing statt Qualität. Und wer sorgfältig produziert, konkurriert gegen umgelabeltes Standard-Pulver.
Warum uns das direkt betrifft
Für uns ist die IMA keine abstrakte Organisation am anderen Ende der Welt. Einer ihrer Gründungsdirektoren ist Toshimi Nishi, Geschäftsführer der Nishi Tea Factory in Kagoshima. Innerhalb der IMA vertritt er die Perspektive von Teeindustrie und Matcha-Produktion.
Viele unserer Matcha stammen aus den Teegärten der Familie Nishi. Die Diskussion über die Zukunft von echtem Matcha findet also genau dort statt, wo unser Matcha wächst: auf den Teefeldern in Kagoshima, bei Produzenten, die hochwertigen Matcha nicht erst seit dem Boom herstellen.
Dass ein Produzent wie Toshimi Nishi an internationalen Definitionen und Qualitätskriterien mitarbeitet, halten wir für das richtige Signal. Standards für Matcha sollten nicht am Schreibtisch entstehen, sondern dort, wo Tee angebaut und verarbeitet wird.
Fakten statt Qualitätsbegriffe
"Premium Grade", "Ceremonial Grade", "Superior Grade": Der Markt arbeitet mit Begriffen, die nach einer klaren Klassifikation klingen. Einen weltweit einheitlichen, verbindlichen Standard dahinter gibt es bislang nicht. "Ceremonial Grade" kommt in japanischen Regelwerken schlicht nicht vor, weder im Branchenstandard noch bei JAS noch im ISO-Report. Der Begriff stammt aus der Vermarktung außerhalb Japans, und jeder Anbieter legt ihn selbst aus.
Das heißt nicht, dass jeder Matcha mit dem Etikett "Ceremonial" schlecht oder irreführend wäre. Es heißt nur: Der Begriff allein beweist nichts.
Diese sieben Fragen sagen mehr über einen Matcha als jedes "Premium":
- Wo wurde der Tee angebaut?
- Wer hat ihn produziert?
- Welche Cultivare wurden verwendet?
- Wurden die Pflanzen beschattet?
- Wurde der Tee zu Tencha verarbeitet?
- Wie wurde der Tencha vermahlen?
- Wie schmeckt der Matcha tatsächlich?
Ein Matcha wird nicht hochwertig, weil "Ceremonial Grade" auf der Verpackung steht. Seine Qualität entsteht durch Pflanzenmaterial, Anbau, Verarbeitung, Vermahlung, Lagerung und das Wissen der Menschen, die an diesen Schritten beteiligt sind.
Das gilt übrigens auch für ein Merkmal, mit dem wir selbst werben: "steingemahlen". Der japanische Branchenstandard lässt neben der klassischen Steinmühle ausdrücklich funktional vergleichbare Verfahren zu. Entscheidend ist am Ende nicht das Material der Mühle, sondern der Rohstoff: Tencha oder nicht Tencha.
Was die IMA-Papiere sind und was nicht
Einen verbindlichen internationalen Matcha-Standard gibt es auch mit der IMA noch nicht. Das sagt sie selbst: Ihre bisherigen Veröffentlichungen sind Leitlinien und der Ausgangspunkt für eine Diskussion, keine Norm.
Genau diese Ehrlichkeit halten wir für ein gutes Zeichen. Zum ersten Mal gibt es eine internationale Organisation, deren Aufgabe es ist, Definitionen, Qualitätskriterien und Grading-Systeme für Matcha zu erforschen und weiterzuentwickeln.
Die IMA ist dabei weder die einzige noch eine amtliche Spur. Seit 2022 existiert mit ISO/TR 21380 eine international abgestimmte technische Beschreibung von Matcha, federführend erarbeitet von Japans staatlicher Agrarforschung NARO, ein informativer Report, keine zertifizierbare Norm. Im Juli 2026 hat Japans Landwirtschaftsministerium erstmals eine ressortweite Strategie für internationale Lebensmittelstandards beschlossen, ausdrücklich auch aus Sorge, die Bezeichnung "Matcha" auf internationalen Märkten nicht mehr frei verwenden zu können. Und der etablierte japanische Teeverband hat "Nihoncha" (日本茶) als geografische Angabe eintragen lassen. Branche, Staat und Normungsgremien bewegen sich also gleichzeitig. Die IMA ist der internationale, privatwirtschaftliche Teil dieser Bewegung.
Vier Punkte daraus würden den Markt aus unserer Sicht wirklich verändern:
- eine klare Definition, was sich Matcha nennen darf
- nachvollziehbare Qualitätskriterien statt beliebiger Marketingbegriffe
- faire und transparente Handelsbedingungen
- eine langfristig tragfähige Matcha-Produktion in Japan
Was heißt das für dich beim Matcha-Kauf?
Unser Rat: Schau weniger auf Superlative und mehr auf Fakten. "Premium", "Ceremonial" oder eine besonders japanisch gestaltete Verpackung sagen wenig darüber aus, wie ein Matcha produziert wurde. Herkunft, Produzent, Cultivar, Beschattung und Tencha-Verarbeitung sagen viel.
Und am Ende bleibt das eine Kriterium, das keine Klassifikation ersetzen kann: Der Matcha muss schmecken.
Quellen
- International Matcha Association: Statement on the Integrity and Sustainable Development of the Global Matcha Market, 5. Mai 2026
- International Matcha Association: Basic Guidance on the Labeling and Classification of Matcha, 8. Juni 2026
- ISO/TR 21380:2022, Matcha tea - Definition and characteristics
- International Matcha Association
- Nihon Cha Gyo Chuo Kai (Japanischer Teeverband): Branchenstandard zur Kennzeichnung von Grüntee